Tur Abdin - Heimat einer alten syro-aramäischen Kultur

von Prof. Sebastian Brock

Der Turabdin taucht in den schriftlichen Quellen schon im 13. Jahrhundert vor Christus auf. Für die Könige Assyriens war er Ziel für Eroberungen und Raubzüge. So etwa verkündete Aschurnasipal II. im Jahre 879 vor Christus stolz: „Ich habe mir Matiate (=Midyat) und seine Dörfer unterworfen; ich nahm von dort reiche Beute mit und legte ihnen Tribut und schwere Steuern auf - ein Schicksal, unter dem der Turabdin nur allzu oft in seiner weiteren Geschichte gelitten hat. Wie in alten Quellen oft erwähnt wird, haben die assyrischen und babylonischen Könige auch „den Wein von Izalla" besonders geschätzt; das ist der Wein von den Izlobergen, deren Hügelkette im Süden die Ausläufer der Hochebene des Turabdin bilden und sich über der Mesopotamischen Ebene erheben. Der Ruf dieses Weines, dem gewiß sehr hohe Qualität zugesprochen wurde, scheint auch dem Propheten Ezechiel bekannt gewesen zu sein. In seiner Weissagung gegen Tyrus spricht er von „Fässern von Wein aus Izlo" (Ez 27,19; der hebräische Text hat dafür das sonst unbekannte „Uzal", wahrscheinlich eine Verunstaltung von „Izal").

Auf eben diesen Abhängen der Izloberge müssen sich im 4. Jahrhundert der hl. Jakob, Bischof vom nahen Nisibis, und sein Diakon, der hl. Ephräm, häufig aufgehalten haben. Hier war es auch, wo im Laufe des 5. und 6. Jahrhunderts viele berühmte Klöster entstanden, von denen einige bis heute in Verwendung sind. Andere sind nur noch als Bauten erhalten: so zum Beispiel das von Mor Augin (nach der Überlieferung der Begründer des Mönchslebens in Mesopotamien) gegründete Kloster oder das Kloster Mor Abraham,das ursprünglich von dem Erneuerer des ostsyrischen Mönchtums des 6. Jahrhunderts, Mor Abraham von Kaschkar, errichtet wurde. Wegen der in den folgenden Jahrhunderten blühenden Klöster wurde das Hochland des Turabdin von einigen europäischen Schriftstellern zuweilen „Berg Athos des Ostens" genannt. Auch heute noch ist der Turabdin vielen Menschen vor allem wegen seiner zahlreichen alten Kirchen und Klöster bekannt, von denen einige noch in Verwendung sind, trotz schwieriger Bedingungen für die Christen und zahlreicher Verwüstungen, nicht zuletzt in diesem Jahrhundert. Für die Syrisch-orthodoxe Kirche aber hat dieses Gebiet besondere Bedeutung, denn der Turabdin ist vor allem das Kernland der syrischen Tradition, die bis in die frühchristliche Zeit zurückreicht. Was auch immer die ursprüngliche Etymologie seines Namens sein mag, Turabdin ist letztlich der „Berg der Knechte Gottes", die Heimat von zahlreichen lokalen Heiligen, nach denen viele Klöster und Kirchen benannt sind, die im Laufe von sechzehn Jahrhunderten gegründet wurden und zu verschiedenen Zeiten ihre Blüte hatten.
Zu diesen Heiligen des Turabdin gehören die vielfältigsten Gestalten: Manche waren Säulensteher (von einem kann man die Säule noch im Dorf Habsus [Habsenas] sehen), während andere ausgesprochen praktische Menschen waren wie etwa der Unternehmer-Bischof Simeon von den Oliven (Schemun d-Zayte), der 734 starb. Durch seine ausgedehnten Olivenkulturen versorgte er im ganzen Turabdin die Kirchen mit Öl für ihre Lampen; er war es auch, der für das Kloster Mor Gabriel eine Stiftung aus den Erträgnissen eines verborgenen Schatzes einrichtete, den sein Neffe David in einer abgelegenen Höhle entdeckt hatte. An andere Heilige erinnert man sich wegen ihrer wunderbaren Heilungen, so etwa im zerstörten Kloster des hl. Theodotus (gest. 698), das oberhalb des Dorfes Kelith liegt und heute noch von Menschen besucht wird, die an Migräne leiden.

Wenn es auch die Architektur der Kirchen ist, wie jene des hl. Jakob des Einsiedlers in Salah und der Marienkirche in Hah, auf die heute das Auge des Besuchers gelenkt wird, so ist es ebenso wichtig daran zu erinnern, daß die Geschichte des Turabdin unter vielen Gesichtspunkten reich an Kultur ist. Aus dem Jahre 1227 ist eine großartige illuminierte Evangeliar-Handschrift erhalten, die für die Kirche von Hah geschrieben wurde. Sie ist ein Hinweis auf die hohe Qualität der Schreibtätigkeit des 13. Jahrhunderts in der Region und macht auch die Bezeichnung „Renaissance" der Syrisch-orthodoxen Kirche verständlich, die jüngst ein Autor für diese Epoche geprägt hat. Ebenso kann sich der Turabdin einer großen Zahl von Autoren rühmen, die in klassischem Syrisch schrieben. Es ist zu bedauern, daß ihre Werke weithin unveröffentlicht bleiben und nur als Manuskripte gelesen werden können. Unter den wenigen Autoren, deren Schriften gedruckt wurden, sind Masud und Addai, beide aus dem 15. Jahrhundert: Masud war der Autor einer langen theologischen Dichtung mit dem Namen „Das geistliche Schiff. Beim Autor kann es sich um dieselbe Person handeln wie bei jenem Masud, der einer der unabhängigen Patriarchen des Tur-abdin zur Zeit des Schismas mit der offiziellen Patriarchenlinie war, die in Deyrulzafaran ihren Sitz hatte. Der Priester Addai, der nur einer von vielen bemerkenswerten Autoren von Bsorino (Basibrin) war, wird von heutigen Historikern gerne genannt, weil er ca. 200 Jahre später die Kirchengeschichte des Bar Hebraeus (Bar Ebroyo) bis zu seiner Zeit fortgesetzt hat. Als ein Vertreter der vielen Autoren, deren Werke faktisch unbekannt blieben, sollte man Basilius Schemun herausgreifen. Er war Maphrian des Turabdin und starb im Jahre 1740 als Märtyrer. Von seinen umfangreichen Schriften in Prosa und in Versform wurden nur wenige Beispiele (in einer Anthologie, veröffentlicht vom Kloster St. Ephräm/Holland durch Mor J.Cicek) zugänglich gemacht. Unter diesen befindet sich ein Gedicht in kurdischer Sprache, das in syrischer Schrift geschrieben ist.

Eine andere wenig bekannte Rolle dieser schreibenden Mönche liegt in der Verbreitung von Texten: Über Jahrhunderte weiter geführt bis unmittelbar zum heutigen Tag, waren in den Kirchen und Klöstern des Turabdin unzählige Schreiber mit dem Kopieren von syrischen liturgischen und literarischen Texten beschäftigt. Vielleicht ist es so manchem dieser schreibenden Mönche zu verdanken, daß Schriften über das geistliche Leben großer ostsyrischer klösterlicher Schriftsteller wie Isaak von Ninive und Johannes dem Älteren (Yuhanon Sobo) auch in syrisch-orthodoxen Kreisen gelesen und geschätzt wurden. Man muß bedenken, daß dies etwa zu der Zeit geschah, als einige Klöster in den Izlobergen, die ursprünglich ostsyrische Gründungen waren, schließlich in syrisch-orthodoxe Hände wechselten.Viele Schreiber vermerkten ihre Namen und das Datum der Niederschrift am Ende der Manuskripte, die sie kopierten. Manchmal wollte ein Schreiber auch einige Verse hinzufügen, um die Vollendung seiner Arbeit zu feiern. Eines dieser Verspaare lautet::

Wie sich der Segler freut,
daß sein Schiff den Hafen erreicht hat,
so freut sich der Schreiber
über die allerletzte Zeile, die er schreibt.

Dieser Doppelvers hat tatsächlich eine lange und interessante Geschichte, weil ähnliche Verse in Griechisch und Latein bezeugt sind: In Griechisch stammt das älteste Beispiel aus dem Jahre 898, in Latein aus dem Jahre 669, aber ein syrisches Manuskript bietet uns das älteste Beispiel, das auf den Dezember 543 datiert ist. Es gibt ein erfreuliches Beispiel für die Kontinuität, da sich der Doppelvers am Ende von verschiedenen Publikationen Mor J. Ciceks findet, des früheren Abtes des Klosters Mor Gabriel im Turabdin und jetzigen Metropoliten von Mitteleuropa.

Obwohl der Turabdin durch eine große Auswanderungswelle bedauerlicherweise nahezu entvölkert ist, bleibt er dennoch weithin ein geistlicher Brennpunkt, nicht nur für die syrisch-orthodoxe, sondern ebenso für die gesamte christliche Tradition. Dies nicht zuletzt dadurch, daß im Kloster von Mor Gabriel eine liturgische Sprache mit Liebe und mit Erfolg gepflegt wird, die dem aramäischen Dialekt, den Jesus gesprochen hat, sehr nahe kommt, - und das nicht als museale Einrichtung, sondern vielmehr als Teil einer ehrwürdigen und lebendigen Tradition, die die ungeteilte christliche Tradition bereichert hat und weiterhin bereichert.

Quelle: Hans Hollerweger: Lebendiges Kulturerbe TURABDIN. Wo die Sprache Jesu gesprochen wird, Linz 1999, S. 20-21

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