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Die Bedeutung des Aramäischen Erbes
von Prof. Sebastian Brock
Das aramäische Erbe ist ein wesentlicher, wenn auch gewöhnlich vergessener Teil der kulturellen Herkunft aller Menschen, die heute im Mittleren Osten leben, unabhängig von ihrem sprachlichen oder religiösen Hintergrund. Natürlich ist es aber für alle Gemeinschaften von besonderem Interesse, die die aramäische Sprache bis auf den heutigen Tag in dem einen oder anderen Dialekt bewahrt haben. Die Tatsache, dass diese Gemeinschaften vier verschiedene Religionen überspannen - Christentum, Islam, Judentum und Mandäismus -, ist ein wichtiges Indiz für die fundamentale Rolle, die das Aramäische in der Geschichte des Mittleren Osten spielte.
Heute wird das aramäische Erbe vor allem in den verschiedenen christlichen Gemeinden bewahrt, deren traditionelle Liturgiesprache das Syrische ist - Syrisch - ist die Bezeichnung für den christlichen Hauptdialekt des Aramäischen. Das wiederum bedeutet, dass das aramäische Erbe überall dort in der Welt von ganz besonderer Relevanz ist, wo syrische Gemeinden vertreten sind - sei es in der Vergangenheit in Asien bis nach China oder dort, wo sie noch heute leben (nicht nur in Südindien, wo ihre Geschichte fast zwei Jahrtausende zurückreicht): in vielen verschiedenen Ländern, in die ihre Mitglieder ausgewandert sind, und hier vor allem in Westeuropa, Amerika und Australien.
Doch kommt dem aramäischen Erbe sogar eine noch stärkere Bedeutung zu, die die Menschheitsgeschichte insgesamt betrifft. Auf diesen generellen Aspekt hat Franz Rosenthal hingewiesen, ein bedeutender Erforscher der arabischen Literatur, der seine wissenschaftliche Laufbahn mit dem Studium des Aramäischen begann. Er schreibt:
Meiner Ansicht nach repräsentiert die aramäische Geschichte den reinsten Triumph des menschlichen Geistes, wenn er sich in Sprache manifestiert (die die direkteste Form der physischen Ausdruckskraft des menschlichen Geistes ausmacht), über das rohe Zurschaustellen physischer Kraft... Große Weltreiche wurden von der aramäischen Sprache erobert, und als sie untergingen und im Fluss der Geschichte versanken, blieb doch jene Sprache, verselbständigte sich und führte fortan ein Eigenleben.
Natürlich gab es zu jeder Zeit viele Aramäisch sprechende Menschen im Kernland [des Nahen Ostens], doch blieben sie, was sie einst waren - ohnmächtige Enklaven in einer Welt, in der andere um Macht und Dominanz kämpf'ten. Und doch: die Sprache blieb als kraftvoller Ausdruck der Verkündung geistlicher Angelegenheiten. Sie war das Hauptinstrument zur Formulierung neuer religiöser Konzepte im Nahen Osten, die sich anschließend in alle Richtungen und über die ganze Welt ausbreiteten. Einige von ihnen, wie die gnostischen Systeme, dominierten die Welt über Jahrhunderte hinweg, bevor sie ihre Eigenständigkeit verloren. Andere, die monotheistischen Konzeptionen, leben auch heute noch mit ihrem religiösem Erbe, das oftmals seinen ersten Ausdruck ist Aramäischen fand.
Rosenthal schließt mit folgenden bemerkenswerten Worten:
Die gesamte aramäische Geschichte bietet daher ein großartiges und einzigartiges Bild. Sie lehrt uns, dass ein Außenseiter tatsächlich die Kraft besitzen kann, eine entscheidende Rolle zu spielen, dass es dem gemeinen Wort möglich sein kann, ganze Reiche zu dominieren und deren Zerfall zu überleben, ja, dass es für die wahren Errungenschaften des menschlichen Geistes auch dann noch möglich ist weiterzuleben, wenn ihre Erschaffer nicht mehr die Herren über ihr eigenes Geschick und ihre Umgebung sind. Hierin scheint eine ermutigende Lektion für unsere eigene Zeit zu liegen. Es ist eine Lektion, die für jeden, der das Glück hatte, mit der aramäischen Geschichte in Berührung zu kommen, gleichermaßen ersichtlich und unausweichlich ist.
Quelle: Die Verborgene Perle, Bd. I: Die Syrisch-Orthodoxe Kirche und ihr antikes aramäisches Erbe, hrsg. von Sebastian P. Brock unter Mitarbeit von David G. K. Taylor. Roma 2001, S. 6f.
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